Die Geschichte der Massai in Kitwai

Besuch bei den Massai in «Kitwai»

Nun war er also da, der lange herbei gesehnte Tag. Und doch, da stehen wir nun, die Geländewagen randvoll bepackt und bereit, dieses Abenteuer «Kitwai» in Angriff zu nehmen. «Kitwai» ist für uns zum Synonym eines fernab der Zivilisation existierenden Massai-Volkes geworden. Ein Ort, an welchem dieses Naturvolk noch mit ihrer kargen Steppe eins ist. Ein Ort, den sie über alles lieben und wohl niemals gegen ein «zivilisiertes» Leben eintauschen möchten. Ein vergessener Ort, der auf den Landkarten dieser Welt nicht zu finden ist. Wenngleich wir schon einige Male ein Massaidorf besucht hatten, diesmal das wussten wir, dürfte es doch anders werden. Und für diese vorangegangenen Erlebnisse und Begegnungen sollten wir noch sehr dankbar werden, wie sich heraus stellen sollte.

Weisse Staubwolken am Horizont deuteten dem nachfolgende Fahrzeug den Weg in dieser weiten, trockenen Steppe. Für einen luxusverwöhnten Europäer kaum vorstellbar, dass hier draussen überhaupt noch menschliches Leben zu existieren vermag. Haben wir doch schon nach geraumer Zeit die Pisten verlassen und folgen nur noch ansatzweise erkennbaren Pfaden, welche sich alsbald im Nichts verloren. Nach dreistündiger Offroad-Fahrt erreichten wir das Boma «Kitwai». Es war ein ergreifender Moment, ein Zusammentreffen der Extreme. Und doch, während der gegenseitigen Annäherung durften wir eine beinahe unfassbar unverdorbene, ja geradezu kindlich naive, aber auch von grosser Herzlichkeit geprägte Willkommenskultur miterleben. Die Massai waren ebenso wie wir neugierig, wie ihr Gegenüber diese Begegnung aufnehmen würde. Spannende drei Tage standen uns allen bevor.

Schnell wurde klar, dass dieses noch vollends von Traditionen & klaren Rollenverteilungen geprägte Dorfleben sich wohl zum Eindrücklichsten unseres Besuches entwickeln würde. So erachteten wir es als grosses Privileg, für einige Tage Teil dieser Kultur sein zu dürfen. Insbesondere auch deshalb, um die harte, entbehrungsreiche Arbeit all jener Menschen, welche sich für ein besseres Leben dieser Völker in Afrika investieren besser zu verstehen, ja einordnen zu können.

Nach kurzem Ablad unseres Gepäckes errichteten wir unter engagierter Mithilfe der Dorfgemeinschaft unsere kleine Zeltstadt. Hierbei bemerkten wir, wie die verschiedenartigen Welten aufeinander prallten. In harmonischem Nebeneinander standen in kürzester Zeit unsere Zelte in kontrastreicher Koexistenz mit den traditionellen Massaihütten. Wir genossen von da an dieses sich grossartig anfühlende Gastrecht und die Herzlichkeit dieser Massai-Gemeinschaft.

In der Zwischenzeit brach die Nacht über das Dorf herein und wer einmal unter den glitzernden Sternen mit seinem Gastgeber vor den Lehmhütten sitzend das einfache, jedoch nicht minder geschmackvolle Abendessen einnehmen durfte, wird diesen Moment nie wieder vergessen.

Das Leben der Massai und ihren Tagesablauf wird durch ihre Kühe bestimmt. Dies mag im ersten Moment als nebensächliche Tatsache erscheinen doch entwickelte dies für uns mit zunehmend fortschreitender nächtlicher Stunde eine gewisse Herausforderung. Noch immer trafen die Kuhherden aus dem Dunkel der Nacht und aus allen Richtungen ein. Damit endete für sie ein langer Tag und eine endlos erscheinende Reise zum ca. 25 km entfernten Wasserloch, wo die Tiere alle zwei Tage zum Tränken hingeführt werden. Erst wenn alle Kühe im Dornengehege versorgt, die Tiere gemolken und gezählt worden sind, legte sich auch das laute Muhen der Tiere und so langsam kehrte im Dorf Ruhe ein. (Hierzu bleibt anzumerken, dass nach dem Eintreffen der Herden dies vorwiegend Sache der Frau ist, die Tiere zu melken. Da ja im gesamten Dorf kein Wasser zur Reinigung der Hände vorhanden ist, behelfen sich die Frauen mit dem Urin der Kühe. Dies mag für einen «keimfreien» Europäer irritierend erscheinen, doch wer einmal einigen Tage hier draussen in «Kitwai» gelebt hat, kann dieses Vorgehen mehr als goutieren, aber auch verstehen.)

Das darauf folgende morgendliche und allgegenwärtige Gesprächsthema waren natürlich die röhrenden Laute der sich in der Nähe aufhaltenden Löwen gewesen. Um die wilden Tiere von der Siedlung fern zu halten, seien junge Massai-Krieger mitten in der Nacht ausgeschwärmt, so versicherte man uns beruhigend. Somit konnte der neue Tag mit einem traditionellen, heissen Tee begangen werden. Die Männer sassen im Schatten und tauschten Neuigkeiten sowie spannende Geschichten aus. Die Frauen kümmerten sich um die anfallenden Arbeiten, während dessen sich die Kinder mehr und mehr für uns «Bleichgesichter» zu interessieren begannen. Und mitten drin durften wir dieses Geschehen als Freunde dieser Menschen miterleben und geniessen. Das Leben schien uns trotz der unglaublichen Entbehrungen, der sicht- und spürbaren Armut und des täglichen Überlebenskampfes, von grossem gegenseitigen Respekt, aber auch von feinfühligen Umgangsformen geprägt zu sein.

Auf einmal kam irgendwie Bewegung ins Dorfleben. Einige Männer und Massai-Krieger mit ihrem Amulett-artigen Kopfschmuck führten uns aus dem mit Dornbüschen umzäunten Dorfkern hinaus ins Unterholz. Das nun folgende Ritual der Schlachtung einer Ziege, welches auch eine Ehranerbietung an die Gäste darstellt, war an Eindrücklichkeit kaum zu überbieten. Gekonnt führte ein Massai das Messer und zerlegte das Tier auf eigens dafür vorbereitetem Gehölz, um das Fleisch sauber zu halten. Derweil ein weiterer junger Krieger ein Feuer entfachte um dieses Festessen zu garen. Normalerweise sind Frauen an solchen Ritualen nicht zugegen, doch als Gäste durfte unsere gesamte «Delegation» diesem Ritual beiwohnen. Im Anschluss daran wurden die grillierten Köstlichkeiten im Kreise sitzend reihum zum Verzehr angeboten. Wahrlich ein erhabenes Gefühl einer nativen Kultur. Im Gegensatz zu uns Gästen, welchen nur die besten Stücke angeboten wurden, bleibt anzumerken, dass für ein Massai eine solche Schlachtung ein aussergewöhnliches Festessen darstellt und wie bei allen Naturvölkern üblich, wird praktisch das ganze Tier verspiesen. Selbst das Blut der Tiere gilt hier als willkommene vitaminreiche Nahrungsergänzung, welche ebenfalls den Kriegern vorbehalten zu sein scheint.

Nach drei Nächten hiess es bereits wieder Abschied nehmen. Dieser viel uns aus mehreren Gründen schwer. Zum einen durften wir eine herzlich warme Gastfreundschaft erleben und zum anderen wurde uns klar, wie hart das Leben hier draussen in «Kitwai» auch sein mag, die Massai leben eine gegenseitig fürsorgliche Gemeinschaft, welche uns in unseren Kulturkreisen beinahe abhanden zu kommen scheint.

Vollends zu erfassen vermochten wir den wahren Schatz dieses Erlebnisses erst wieder zuhause. Haben diese Tage doch tiefe Spuren einer Dankbarkeit hinterlassen. Zusammen mit unseren tansanischen Freunden durften wir miterleben, wie sie auf eine feine, ja geradezu sensible Art diesem Naturvolk begegnen. Diese Erfahrung und Dankbarkeit lässt jedoch noch einen weiteren Schluss zu. Diese Menschen haben uns auf ihre Art gezeigt, wie wir von ihnen lernen dürfen. In einer sanften Koexistenz fundamentaler menschlicher Bedürfnisse, aber auch auf der Suche nach dem für uns verwöhnten, zuweilen überheblich wirkenden Europäern immer wichtiger werdenden tieferen Sinn des Lebens, haben uns die Massai in eine wahrlich tiefe Dankbarkeit geführt. In diesen Tagen durften wir auf eine völlig andere Art lernen was es auch heissen kann, nicht nur auf den Instinkt, sondern auch auf ihre langjährigen Traditionen des Zusammenlebens in diesem kargen und so mühevollen Landstrich zu vertrauen. Und, wir haben gespürt, dass auch in «Kitwai» fernab von allen zivilisationsgeprägten Einflüssen, Menschen mit einem grossen Herzen und voller Liebe zu ihrem ja so fremden und andersartigen Gegenüber leben.

In tiefer Dankbarkeit

Tabea & Beat Häberli

 

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