Die Geschichte vom «Morgenspaziergang in Marrakesh»

Ein Morgenspaziergang in Marrakesh…

Spaziert man in Schaffhausen durch die Altstadt so ist einem das Treiben doch sehr wohl vertraut. Man kennt sich, die Rituale am samstäglichen Markt sind vertraut…

Nun, als langjähriger Schaffhauser- Altstadtbewohner wird man einen Tag in Marrakesh doch nicht so schnell vergessen…

Beginnend um ca. 0530 Uhr werde ich erstmals aus meinem sanften Schlaf gerissen. Ungewöhnliche Klänge dringen in mein Gemach. Noch etwas schlaftrunken nehme ich die Tachwache-Rufe des Muezzins war, was mich allgemein wieder etwas zu beruhigen vermag. Doch heute scheinen sie alle mehr Ausdauer zu haben. Mit grosser Inbrunst und kräftiger Stimme werden die Suren aus dem Koran vorgesungen und dabei frage ich mich, wie es wohl geklungen haben möge, als die Lautsprecher auf den Minarett-Türmen noch nicht installiert waren. Von allen Seiten, so scheint es, beten sie, die Diener Allah’s, um die Wette. Und Allah ist wohl sehr mächtig, das habe ich um diese Uhrzeit schnell begriffen und um meinen Schlaf war es geschehen… Von der Dachterrasse meines Riads ( Ort des Friedens, oder auch Paradies; weltliche Bezeichnung = Hotel) trauere ich eben gerade diesem entgangenen Frieden, meinem abrupt unterbrochenen, paradiesischem Schlaf nach. Ein Hund bellt in der Nachbarschaft, auch er wurde wohl durch die göttlichen Preisungen unsanft geweckt. Die sich rasch bildende Hühnerhaut an meinem spärlich bekleideten Körper lässt auf noch etwas tiefere Temperaturen zurück schliessen und so entscheid ich mich für eine frühen morgendlichen Spaziergang durch die Stadt. Die Medina (Altstadt) von Marrakesh ist durch ihre engen und verwinkelten Gassen, sowie die rötliche Farbgebung der Bauten und Häuser etwas ganz Besonderes und mit anderen orientalischen Städten kaum zu vergleichen. So trete ich also hinaus in diese für mich unbekannte Welt und lasse die Eindrücke auf mich wirken. An einer schönen, mit bunten Kacheln verzierten Wasserentnahmestelle (längst nicht alle Häuser verfügen über einen eigenen Wasseranschluss) halte ich inne und erschrecke mich beinahe zu Tode. In einer Ecke bewegt sich ein alter, leicht streng duftender Teppich rhythmisch auf und ab. Erstaunlich und ungewohnt zugleich war, dass eben dieser Teppich von Zeit zu Zeit schnarchte. Seltsam, dachte ich und stiess ihn mit dem Fuss an. Allmählich öffnete sich der Teppich und ein bärtiges, grimmiges Gesicht starrte mir entgegen. Etwas neidisch ob seinen muezzin-resistenten Schlafgewohnheiten entschuldigte ich mich für die Störung. Ein alter Mann verliess gerade das Hammam (Badehaus) als ich in die Rue Riad Zitoun el Kedim einbog. Hier sind diese alten Badehäuser noch nicht vollumfänglich von Touristen vereinnahmt worden und somit ist eine alte Kultur der Waschung noch erhalten geblieben. Von 0400 Uhr bis 1200 Uhr die Männer, nachmittags die Frauen und abends dürfen sich die Männer wieder bis um Mitternacht den ausgiebigen Dampfbädern hingeben. Die Strasse zum weltberühmten Place Jemaa el Fna ist in diesen frühen Morgenstunden deutlich belebter als ich annehmen durfte. Die gesamte Warenanlieferung wird über diese Hauptstrassen in der alte Medina abgewickelt, denn die vielen kleinen „Ich-AG’s“ wollen rechtzeitig mit ihren Verkaufsprodukten beliefert sein. Um das emsige Treiben auf mich wirken zu lassen, versuche ich, einen geeigneten Ort zu finden. Leichter gesagt als getan, denn zum Vergleich ist das Löwengässchen in Schaffhausen eine Autobahn. Fussgänger, Händler, Kaufleute auf dem Weg zu Ihren Arbeitsstätten, sie alle zwängen sich durch diese engen Gassen. Auf einmal herrscht grosse Aufregung. Laute Rufe beherrschen die Szene, wild gestikulierende Hände werden nach oben geworfen. Ein Stau mit drei Eselskarren verhindert jegliches weiterkommen. Auch hier gilt das Gesetz des Stärkeren, dachte ich, und so muss der kleinste Karren den Rückzug antreten. Keine einfache Angelegenheit, denn einen Esel zum Rückwärtslaufen zu bewegen, ist wohl eine grössere Herausforderung für das hiesige Transportgewerbe, zumal sich hinter den voll beladenen Vehikeln bereits ein grösserer Rückstau aus Fahrradfahrern, knatternd-stinkenden Mofalenkern und Fussgängern gebildet hat. Nur gut muss ich jetzt nicht zur Arbeit, denke ich für mich und kann diesem maghrebschen Treiben entspannt folgen. Interessant ist auch, wie hier solche Situationen gelöst werden. Denn urplötzlich verwandeln sich alle betroffenen Stauteilnehmer in selbsternannte und wahrlich bestens ausgebildete Verkehrspolizisten. Da jedoch jeder aus eigener Erfahrung weiss, wenn mehrere das Selbe tun, und dies noch zur selben Zeit, so endet dies in den meisten Fällen im nackten Chaos. So auch an diesem Morgen!!!! Da die Rue Riad u.sw. nicht nur den Fussgängern und Eselskarren vorbehalten ist, sondern sich diese Strasse auch bei Mofa- und Fahrradfahrern grosser Beliebtheit erfreut, komme ich als leicht dümmlich wirkender Europäer, der sich Zeit seines Lebens an klaren und unmissverständlichen Strassenverkehrsordnungen orientiert hatte, zu ungewollten frühmorgendlichen Gymnastikübungen. Nach einer gewissen Zeit darf ich befriedigt feststellen, dass sich meine Ausweichmanöver, welche sich bald zu stilvollen Hechtrollen oder ballettähnlichen Figuren verfeinert haben, auch einen gewissen sportlichen Hintergrund haben dürften. Dass sich hier keine Kollisionen mit Personenschaden häufen, grenzt für mich an ein Wunder … Irgendwann erreiche ich dann doch noch den Place Djamaa el Fna. Schon in diesen frühen Stunden sind hier die ersten Gaukler, Schlangenbeschwörer, Akrobaten, Märchenerzähler und Saftverkäufer dabei, ihr Revier abzustecken und sich für die vielen Besucher zu rüsten. Dieser Ort wirkt auf mich derart faszinierend, dass ich inne halte und dieses Treiben gespannt auf mich wirken zu lassen. Abrupt werde ich wieder in die Realität zurück katapultiert, denn ein Junge steht neben mir und fragt mich mit seinen grossen braunen Kulleraugen: „Donnez moi un Dirham“ , was mit anderen Worten heisst, „Häsch mir mol än Stutz?“. Als ich verneinte, fragte er mich nach einer Zigarette, nach Essen, nach Kleidern und wenn ich auch meine geliebten, bequemen Schuhe nicht den Besitzer wechseln lassen möchte, so ist am Schluss das Verlangen bei “quel-que chose“ angekommen, doch auch dies vermochte ich nicht einfach herzugeben 😉 .  Kurz darauf entschloss ich mich nun wieder den Rückweg anzutreten und im schönen Riad mein Frühstück zu geniessen. Jetzt, nach diesem kleinen Frühmorgenspaziergang bin ich dem Muezzin wieder dankbar, dass ER mir dieses Schauspiel eigentlich ermöglicht hatte.

Euch allen, meine lieben Freunde und Daheimgebliebenen, wünsche ich aus dem pulsierenden Marrakesh einen schönen und spannenden Tag. Bis zum nächsten Mal….

 

 

In sha’allah…

 

(so Gott will…)

 

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