Die Geschichte von «Männersachen in Syrien»

Die Sonne versteckt sich gerade hinter dem Minarett und steht tief am Horizont. Der Muezzin schickt sich an, seine Schäfchen zum Abendgebet zu rufen. An diesem Freitag liegt ein leichter Dunst über Damascus. Etwas erschöpft vom langen Tag sitze ich auf der Terrasse unseres wunderschön umgebauten Hotels, welches vor langer Zeit und inmitten des Souq gelegen, einmal ein osmanisches Kaufmannshaus war. Die Beine hoch gelagert und ein kühles Bier auf dem Tischchen stehend, so lässt es sich leben, denke ich mir und geniesse das Sonnenspektakel am Horizont. Endlich, es wird etwas kühler und die Stadt erwacht zu neuem Leben. Die Männer kehren vom Abendgebet zurück, in den Gassen herrscht schon wieder geschäftiges Treiben und in den kleinen Läden bieten die Händler ihre vielfältigen und bunten Waren dar. Plötzlich überkommt mich der innige Wunsch, mir nach diesem anstrengenden Tag etwas Gutes zu gönnen. Wenige Minuten später finde ich mich im emsigen Treiben der Damascener-Gassen wieder. Der Weg zu meine Ziel ist spannend und immer wieder ein grosses Erlebnis für mich. Der Duft der frischen Gewürze, der Anblick der bunten Früchtestände, das vielfältige Angebot der Kolonialwarenläden, aber auch das Angebot des täglichen Bedarfs ist eine Augenweide, dies alles gepaart und untermalt mit impulsiven, orientalischen Klängen, all dies erfüllt mich aber auch mit grosser Glückseeligkeit. Endlich stehe ich vor dem Hammam Nour ad Din. Tief durchatmen, denke ich bei mir und beinahe verlässt mich in diesem Moment meine Entdeckungsfreue. Doch schlussendlich fällt mir der Entscheid nicht schwer und ich trete selbstbewusst durch die etwas niedrig geratene Eintrittspforte. Inmitten dieses schmalen Korridors lacht mich auch schon das erste Gesicht an. Der etwas in die Jahre und aus der Form geratene Syrer muss wohl eine harten Job haben, denke ich mir, denn der Schweiss rann ihm förmlich über seinen Körper. „Welcome to Nour ad Din Hammam, where are you from, Sir?“ Mit einem sichtlich amüsierten Lächeln auf den Stockzähnen hält er mir die Beschreibung der dargebotenen Dienstleistungen vor mein Gesicht. Nun, dies alles sagt mir hier nichts und ich spüre dabei meine leichte Überforderung. Mit einem verlegenen: „Was können Sie denn empfehlen“, versuche ich die Situation zu retten. „Fullservice, 450“, grinst er wieder und mit einem „you will enjoy it“ hat er mich umgehend überzeugt. Ich konnte nicht einmal mehr meine Gedanken sammeln, schon stand ein stämmiger, nur mit einem Lendenschurz bekleideter Helfer vor mir und fordert mich auf, ihm zu folgen. Grosses Staunen machte sich breit, als ich in seinem Schlepptau die Vorhalle des ältesten und für meine Begriffe schönsten Hammam betrete. In der Mitte des Raumes plätschert ein grosser Springbrunnen, um welchen sich die leicht erhöhten und mit feinstem Stoff überzogenen Umkleidebänke scharen. An meinem Arm hängen vier verschiedenfarbige Armbänder, welche mir der leicht schweissige Syrer beim Verlassen des Empfangsbereiches übergestreift hatte. So stand ich nach einigen Minuten nun also dort oben im offen gehaltenen Umkleidebereich, ebenso leicht mit einem Leinentuch um die Hüfte geschlungen bekleidet, wie alle anderen Männer. Ein gewisses Unbehagen überkommt mich, denn irgendwie sehe ich doch etwas anders aus als der Rest der geübten Hammamgänger. Freundlich werde ich zum ersten „Gang“ gebeten. Unverhofft öffnet sich eine kunstvoll geschnitzte Holztüre und schon stehe ich mitten drin im heissen Dampf. Die Hand ist kaum vor den Augen zu sehen und so versuche ich lässig das zu tun, was der Rest der Männer eben so zu tun gedenkt, wenn sie hier eintreten. Wie ein alter Kenner der Szene setze ich mich auf den wunderschön gekachelten Boden neben ein aus Naturstein gefertigtes Wasserbecken. Die Hitze ist beinahe unerträglich und so versuche ich, mich mit den bereitgestellten Wasserschalen etwas abzukühlen. Nach einigen Minuten finde ich jedoch grossen Gefallen daran und geniesse die angeregten und impulsiven Männergespräche, welche den Lauten nach direkt mir gegenüber sitzen müssten. Nach etwa 15 Minuten fordert mich ein älterer Herr im Lendenschurz auf, ihm zu folgen. Ehe ich mich an die neue Situation gewöhnen kann, liege ich bereits wieder auf dem Boden eines kleinen Raumes. Die mitgebrachte Seife und eine Art Scheuerlappen muss ich dem Herrn im Lendenschurz überreichen. Auf dem Bauch liegend vertraue ich mich also etwas widerwillig diesem Menschen an und bereue meine Sorglosigkeit in sekundenschnelle. Ein stechender Schmerz fährt mir durch den Körper und ich traue mich nicht zu schreien! Mein ganzer Körper wird nun mehr oder minder fachmännisch mit Seife und eben diesem für europäische Verhältnisse eher in der Kategorie „Haushaltsartikel“ anzusiedelnden Lappen gereinigt. Wie eine zu rupfende Gans werde ich hin und her gerollt und meiner imaginären „Federn“ entledigt. Nach getaner Arbeit sehe ich aus, als wäre ich ein nacktes Poulet. Sieht etwas aus wie „gesottene Hühnerhaut“, denke ich bei mir und hoffe sehr, dass dies so üblich sein muss. Ein weiterer „Gehilfe“ fordert mich alsdann auf, wieder das Dampfbad zu betreten und ruft mir freundlich nach: „Shower!!“ Ohne mir etwas anmerken zu lassen und heil froh darüber, dass im Dampfbad die Hand vor den Augen nicht zu sehen ist, schlendere ich lässig zu meinem Wasserbecken und lasse mich gekonnt zu Boden gleiten. Man ist ja Profi, denke ich und kann mir ein Lächeln ebenfalls nicht verkneifen. Mittlerweile habe ich nur noch zwei Bänder um das Handgelenk und bin gespannt, welche Abreibung nun folgen könnte. Der dickbäuchige und fast nackte Gehilfe versucht mir alsbald klar zu machen, dass ich einen Raum weiter zu gehen habe und setzt mich auf eine Wartebank. Nebenan sind eigenartige Geräusche zu hören, doch ich versuche, diese zu ignorieren und schlürfe recht gelöst das mir gereichte kalte Wasser. Kurz darauf öffnet sich die geheimnisvolle Türe und im Rahmen steht ein Riese mit ebensolchen Händen. Seine viel zu kurz geratenen Shorts imponieren mir, insbesondere das, was er darunter wohl tragen dürfte. So schaue ich auf meinen doch eher schmächtigen Körper und versuche instinktiv, tief Luft holend, meinen Brustkasten doch auch als solchen zur Geltung bringen zu können. Albernes Männergehabe, denke ich und alsbald ist die Luft auch wieder draussen, denn schon liege ich auf einem Holzschragen. Die grossen und kraftvollen Hände beginnen sogleich mit der Arbeit und mir wird klar, dass ich nicht ein solch grosses Kaliber bin. Gekonnt werde ich nun Stück für Stück durchgeknetet und empfinde dabei Wohlgefallen und Entspannung. Zum Schluss kommt der berühmte und zugleich unverhoffte „Kastensprung“ auf meinen Rücken. Meine Wirbel scheinen sich in eine ungewohnte Position zu verschieben, denn sie knattern wie ein altes Machinengewehr. „Finish“, ruft eine dunkle Stimme, um gleich „Shower“ nachzuschieben. „Verstanden“, sage ich zu mir und tue das, was von mir erwartet wird. Bereits steht ein Jüngling daneben um mich abzutrocknen und mich abschliessend in diverse Baumwolltücher einzuwickeln. „Rest“!!!, wird mir geraten und jemand begleitet mich wiederum zurück in die grosse Halle mit den schönen Sitzbänken. Hier werde ich noch eingecremt und wiederum mit warmen Tüchern umgeben. Tee darf natürlich nicht fehlen und so geniesse ich das bunte Treiben bis sich mein „geschundener“ Körper wieder erholt hat. Langsam aber sicher ändert sich auch meine Hautfarbe wieder und ich kann getrost meine Kleider überstreifen.

Nach einem herzlichen „Shukkran“ und „Ma Shallam“ verlasse ich diesen für mich so geheimnisvollen Ort und trete wieder hinaus auf die Gasse. Entspannt und wohlig zugleich fühle ich mich nun. Ein letzter Blick zurück erfüllt mich mit grosser Zufriedenheit. „Ist eben etwas für richtige Männer, so ein Hammam!„

 

Liebe Grüsse aus Syrien….

Beat                                                              29.April 2008

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